BEISEIT

1991

Counter-tenor and three instruments
clarinet (sib and bass), accordion and double bass

DEDICATION • to György Kurtág

LIBRETTO • "Beiseit" by Robert Walser

DURATION • 42 minutes

EDITOR •  Schott

COMMISSION • Milano Musica

WORLD PREMIERE • April 28, 1991, Allemagne, Festival de Witten, by David James (counter-tenor), Elmar Schmid (clarinet), Theodoro Anzellotti (accordion), Johannes Nied (double bass), directed by Heinz Holliger

NOTE • twelve lieder on poems by Robert Walser

1. Beiseit
Ich mache meinen Gang;
Der führt ein Stückchen weit
Und heim; dann ohne Klang
Und Wort bin ich beiseit.

 

2. Schnee
Es schneit, es schneit, bedeckt die Erde
Mit weißer Beschwerde, so weit, so weit.

Es taumelt so weh hinunter vom Himmel
Das Flockengewimmel, der Schnee, der Schnee.

Das gibt dir , ach, eine Ruh', eine Weite,
die weißverschneite Welt macht mich schwach.

So daß erst klein, dann groß mein Sehnen
Sich drängt zu Tränen in mich hinein.

 

3. Bangen
Ich habe so lang gewartet auf süße
Töne ind Grüße, nur eine Klang.

Nun ist mir bang; nicht Töne und Klingen,
nur Nebel dringen im Überschwang.

Was heimlich sang auf dunkler Lauer:
Versüße mir, Trauer, jetzt schweren Gang.

 

4. Wie immer
Die Lampe ist noch da,
der Tisch ist auch noch da,
und ich bin noch im Zimmer,
und meine Sehnsucht, ah,
seufzt noch wie immer.

Feigheit, bist du noch da?
Und, Lüge, auch du?
Ich hör' ein dunkles Ja:
Das Unglück ist noch da,
und ich bin noch im Zimmer
wie immer.

 

5. Trug
Nun wieder müde Hände,
nun wieder müde Beine,
ein Dunkel ohne Ende,
ich lache, dass die Wände
sich drehen, doch dies eine
ist Lüge, denn ich weine.

 

6. Zu philosophisch
Wie geisterhaft im Sinken
Und Steigen ist mein Leben.
Stets seh' ich mich mir winken,
dem Winkendem entschweben.

Ich seh' mich als Gelächter,
als tiefe Trauer wieder,
als wilden Redeflechter;
doch alles dies sinkt nieder.

Und ist zu allen Zeiten
wohl niemals recht gewesen.
Ich bin vergeßne Weiten
Zu wandern auserlesen.

 

7. Abend
Schwarzgelb im Schnee vor mir leuchtet
ein Weg und geht unter Bäumen her.
Es ist Abend, und schwer
ist die Luft von Farben durchfeuchtet.

Die Bäume, unter denen ich gehe,
haben Äste wie Kinderhände;
sie flehen ohne Ende
unsäglich lieb, wenn ich stille stehe.

Ferne Gärten und Hecken
brennen in dunklem Wirrwarr,
und der glühende Himmel sieht angststarr,
wie die Kinderhände sich strecken.

 

8. Weiter
Ich wollte stehen bleiben,
es trieb mich wieder weiter,
vorbei an schwarzen Bäumen
doch unter schwarzen Bäumen
woll't ich schnell stehen bleiben,
es trieb mich wieder weiter,
vorbei an grünen Wiesen,
doch an den grünen Wiesen
wollt' ich nur stehen bleiben,
es trieb mich wieder weiter,
vorbei an armen Häuschen,
bei einem dieser Häuschen
möcht' ich doch stehen bleiben,
betrachtend seine Armut,
und wie sein Rauch gemächlich
zum Himmel steigt, ich möchte
jetzt lange stehen bleiben.
Dies sagte ich und lachte,
das Grün der Wiesen lachte,
der Rauch stieg räuchlich lächelnd,
es trieb mich wieder weiter.

 

9. Angst
Ich möchte,
die Häuser regten sich,
sie kämen auf mich los,
das wäre schauerlich

Ich möchte,
mein Herz verdrehte sich,
und mein Verstand stünd' still,
das wäre schauerlich

Das Schauerlichtste möchte
ich pressen an mein Herz.
Ich sehne mich nach Angst,
nach Schmerz.

 

10. Und ging
Er schwenkte leise seinen Hut
und ging, heißt es vom Wandersmann.
Er riß die Blätter von dem Baum
und ging, heißt es vom rauhen Herbst.
Sie teilte lächelnd Gnaden aus
und ging, heißt es von der Majestät.
Er klopfte nächtlich an die Tür
und ging, heißt es vom Herzeleid.
Er zeigte weinend auf sein Herz
und ging, heißt es vom armen Mann.

 

11. Drückendes Licht
Zwei Bäume stehen im Schnee,
der Himmel, müde des Lichts,
zieht heim, und sonst ist nichts
als Schwermut in der Näh'.

Und hinter den Bäumen ragen
dunkle Häuser hinauf.
Jetzt hört man etwas sagen,
jetzt bellen Hunde auf.

Nun erscheint der Liebe, runde
Lampenmond im Haus.
Nun geht das Licht wieder aus,
als klaffte eine Wunde.

Wie klein ist hier das Leben
und wie groß das Nichts.
Der Himmel, müde des Lichts,
hat alles dem Schnee gegeben.

Die zwei Bäume neigen
Ihre Köpfe sich zu.
Wolken durchziehn die Ruh'
Der Welt im Reigen.

 

12. Im Mondschein
Ich dachte gestern nacht,
die Sterne müssten singen,
als ich aufwacht
und es leise hörte klingen.

Es war aber eine Handharfe,
die durch die Räume drang,
und durch die kalte, scharfe
Nacht klang es so bang.

Dachte so verlornem Ringen,
Gebeten und Flüchen nach,
und noch lange hört' ich es singen,
lag lang noch wach.